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Kongress der DGS 2016 — Bourdieu, Bier und Bamberg

Von am 01.10.2016


Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Bamberg 2016 ist zuende gegangen. Es ist Zeit für ein Fazit!


Moshe Zuckermann (Tel Aviv) spricht "zur Dialektik einer offen-geschlossenen Gesellschaft" im Audimax, Bamberg (© 2016 Hendrik Erz)
Moshe Zuckermann (Tel Aviv) spricht "zur Dialektik einer offen-geschlossenen Gesellschaft" im Audimax, Bamberg (© 2016 Hendrik Erz)

Als einfacher Soziologiestudent aus der "soziologischen Provinz" in Bonn kommt man ohne spezifische Erwartungen nach Bamberg. Was nach einem Blick auf das Programmheft klar wurde, ist, dass es eine Auswahl wie in einer Shoppingmall gab. In insgesamt sieben Blöcken wurden über 800 Vorträge (!) gehalten, was bei einer einfachen Rechnung knapp 100 Vorträge pro Block sind. Da drei bis fünf Vorträge pro Panel gehalten wurden, es also rund 200 davon gab, fanden meist rund 30 Panels gleichzeitig statt — trotzdem noch eine ganze Menge. Man ertappte sich als völlig erwartungsloser Student die meiste Zeit dabei, im Konferenzprogramm herum zu blättern und Münzen zu werfen, welche Panels man besuchen würde.

Letztlich besuchte ich einige Panels bezüglich soziologischer Theorie und keine empirischen Seminare (nicht traurig sein, liebe Quantis!) und muss sagen, dass ich überrascht war von der Bandbreite, mit der das Kongressthema "Geschlossene Gesellschaften" angegangen wurde. Von theoretischen Ansätzen zur Definition von Öffentlichkeit (und daher auch potenzielle Ansatzpunkte zu ihrer Geschlossenheit) bei Bourdieu, Foucault und Luhmann über den Versuch einer Nutzbarmachung Agambens Theorie des Homo Sacer und des Ausnahmezustandes war viel dabei. Was ich persönlich sehr schön fand, waren einige Seminare, die der im Eröffnungsvortrag beschworenen politischen Positionierung Vorschub leisteten, namentlich das Panel "Community-Kapitalismus". Positiv hervorzuheben ist die explizite Einbeziehung auch rechtlicher Problematiken in die Diskussion, initiiert durch den Eröffnungsvortrag des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes, Prof. Dr. Andreas Voßkuhle.

Als ein stark auf die politische Philosophie und ihre gesellschaftliche Implikationen ausgerichteter Soziologe musste ich das natürlich gut heißen, da das Recht völlig richtig einen erheblichen Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse hat. Auch wenn es natürlich schwierig ist, den tatsächlichen Einfluss von Recht auf Gesellschaft zu quantifizieren (beispielsweise in der Frage: Wird Recht überhaupt beachtet?), halte ich es für unabdingbar, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen — insbesondere in der heutigen Zeit, in der der politische Diskurs beinahe ausschließlich um die Frage kreist, ob ein Gesetz sich aus dem Grundgesetz herleiten lässt und politische Gegendiskurse, beispielsweise von der AfD und dem Front National, explizit das Grundgesetz zu relativieren versuchen.

Die Wichtigkeit der Einbeziehung solcher Diskurse wird natürlich auch bei den anderen Debatten der heutigen Zeit deutlich. Von Privatsphäre über den "War on Terror" haben viele rechtliche Novellen in den letzten Jahren erheblichen Einfluss nicht nur auf die öffentlichen Diskurse gehabt, sondern auch auf das praktische Leben der meisten Menschen.

Dies bringt mich auch zu einem weiteren Kritikpunkt am Kongress: Trotz der allgegenwärtigen Unsicherheit bezüglich der Einschätzung des Terrorismus fehlte dieser Ansatz im Kongress. Denn die Konvergenz von Recht, Gesellschaft und ihrer Öffnung und Schließung sowie politischer Diskurse lässt sich beinahe paradigmatisch an den Entwicklung seit der "Erscheinung" des transnationalen Terrorismus festmachen.

Weiterhin sind die Keynotes positiv hervorzuheben, gehalten von namhaften Wissenschaftlern. Ganz besonders schön dabei fand ich aus Nostalgiegründen den Vortrag von Nancy Fraser (Donnerstag), die auf die Frage nach der Rolle der sozialen Reproduktion konstatierte, dass diese soziale Reproduktion zunehmend gefährdet sei, da die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus eine Art "Akkumulation durch Enteignung" in Bezug auf den häuslichen und familiären Sektor durchführe. Daher kommt auch die "Nostalgie": Der Vortrag war eine große David Harvey-Tribute-Veranstaltung, in der es vor Konzepten, die dieser prägte, nur so wimmelte.

Eine zweite Keynote, die mir positiv im Gedächtnis bleiben wird ist die von Moshe Zuckermann am Tag zuvor (siehe Bild), wo dieser über die israelische Gesellschaft und das Spannungsfeld zwischen ihrer Weltoffenheit und gleichzeitigen Geschlossenheit im Kontext der Entstehung Israels und der immer noch anhaltenden Konflikte in der Region sprach. Ganz abgesehen vom hochspannenden Inhalt der Vorlesung merkte man, wie sehr er rhetorisch trainiert war. Eine Augenweide — nur eben für die Ohren.

Als Fazit des Soziologiekongresses lässt sich festhalten, dass trotz der Kritik die Veranstaltungen äußerst gelungen waren. Es gab ein enorm reichhaltiges Programm und viele verschiedene Ansätze, die letztlich um die unterschiedlichsten Problembereiche kreisten. Der Ort selbst war auch empfehlenswert (Stichwort: Bayern, Bier und Essen) und es war eine lohnenswerte Erfahrung, nicht nur auf dem aktuellen Stand der Soziologie in Deutschland zu sein, sondern, initiiert durch die Keynotes, auch von Entwicklungen im Rest der Welt erfahren zu haben. Nach meinem ersten Soziologiekongress freue ich mich enorm auf den nächsten in zwei Jahren in Göttingen!


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