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"Žižek, Tinder und Subjekt", Part 2

Von Hendrik in Gesellschaft am 31.10.2016


Nach zwei Wochen Funkstille kommt hier Part 2 zum Thema Tinder. Es geht zwar fast nur ums Subjekt, aber auch da lassen sich mit genug Phantasie natürlich Tinder-bezogene Probleme hinein lesen!


Ich dachte mir, dass passend zu Halloween dieses ansprechende Bild von Žižek eine ganz nette Idee wäre. (CC BY 2.0 by Secom UnB; https://www.flickr.com/photos/unb_agencia/8556931759/)
Ich dachte mir, dass passend zu Halloween dieses ansprechende Bild von Žižek eine ganz nette Idee wäre. (CC BY 2.0 by Secom UnB; https://www.flickr.com/photos/unb_agencia/8556931759/)

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Artikel anfangen sollte. Nach dem starken Echo, das ich auf meinen ersten Žižek-Artikel erhalten habe, war für mich klar, dass es irgendeine Fortsetzung geben muss, aber da ich nun schwerlich noch einmal über Tinder schreiben kann, da das Thema für mich abgehakt ist, hatte ich natürlich das Problem: Was tun? Meine Antwort: Mir erneut das Subjekt herausgreifen, da das in der Tat universaler und daher auch interessanter ist. Daher heute ein Rundumschlag über das Subjekt!

Auch hier ein Disclaimer: Ich bin kein Philosoph und werde daher Myriaden Dinge übersehen — man möge es mir verzeihen; meinen Punkt werde ich trotzdem zu machen versuchen.

Was ist das Subjekt?

Das Subjekt ist ein wunderbares Konzept, das mir vorher noch gar nicht so sehr bewusst geworden ist — vielleicht aufgrund der Tatsache, dass jeder ein solches ist und der Begriff "subjektiv" mal das Gegenteil von seiner heutigen Bedeutung bedeutete. Sprechen wir von "subjektiv" meinen wir, dass jemand eine Meinung vertritt beziehungsweise einen Blickwinkel einnimmt, der das Gegenteil von "objektiv", das heißt "real" ist. Es gibt eine starke Dichotomie zwischen Objektivität und Subjektivität; jeder versucht, seine eigenen Meinungen und Ideen stets als möglichst objektiv darzustellen; sei es durch Fakten oder gelungene Argumentationen; Subjektivität ist überall dort verpönt, wo man sich der vermeintlichen wissenschaftlichen Objektivität hingeben will. In der Tat ist die Subjektivität so sehr gefürchtet, dass die Sozialwissenschaften seit einhundert Jahren, beginnend mit Max Webers "Über die Objektivität in den Sozialwissenschaften", darüber diskutieren, wie man seine eigene Subjektivität aus wissenschaftlichen Arbeiten heraushalten kann.

Dabei ist die Subjektivität eigentlich nicht das, was man nach dieser Lesart von ihr erwartet. Das Subjekt, subject oder sujet kommt vom lateinischen sub, "unten" und iacere, "liegen" bzw. "werfen", und bedeutet daher tatsächlich nicht, eine eigene Meinung behaupten zu können, sondern im Gegenteil einer Meinung (aber natürlich auch Herrschaft, Macht, Interessen oder sonst was) unterworfen zu sein, d.h. den passiven Part in solchen Strukturen zu spielen. Nun könnte man ja denken, dass die Sozialwissenschaftler schon vor hundert Jahren intelligent genug waren (waren sie bestimmt auch), sich deshalb der Subjektivität zu verwehren. Man kann aber genauso gut behaupten, dass sie sich beinahe schon neurotisch der Objektivität verschrieben haben, weil sie Angst vor besagter Subjektivität hatten, also tatsächlich die Objektivität aus einer subjektivierten Position heraus angestrebt haben und nicht aus einer transzendenten Wissenschaftsposition heraus.

Subjektivitätsformen in der Alltagswelt

Um das ganze nicht so trocken zu lassen, möchte ich das Thema aus dem letzten Artikel kurz für ein paar anschauliche Beispiele wieder heran ziehen: Beziehungen. Der Anfang einer Beziehung, das schrieb ich im letzten Artikel, lässt sich via Tinder, aber auch anderer Datingseiten bzw. -apps, komplett durchökonomisieren, sodass man schlussendlich nicht in einer freien Beziehung, sondern, wenn überhaupt, in einer neurotischen Zweckrelation zueinander steht (natürlich, es gibt Gegenbeispiele, aber dann wäre der Artikel sicher arg langweilig). Nun wurde mir seit dem Artikel natürlich einiges an Ideen und Feedback gegeben, die das Prinzip Tinder transzendieren und dennoch in ähnlichen Situationen enden.

Zunächst fand ich es sehr interessant, dass fast nur Freundinnen und Bekannt…innen? … reagiert haben — und das durchweg positiv, weil meine Perspektive nachvollziehbar beziehungsweise interessant ist; die Reaktionen gingen in der Tat in die Richtung "So isses, endlich sagt es mal einer!". Das ließe natürlich zunächst den Schluss zu, dass der Casus Tinder hauptsächlich vom Patriarchat übernommen wird, dass diese "benchen", "ghosten" (ein Wort, dass mir in meinem letzten Artikel leider fehlte) und die Beziehungen durchökonomisieren. Mit einer Freundin hatte ich ein relativ langes Gespräch darüber, dass sie anscheinend seit einiger Zeit von einem Menschen "gebencht" wird und nicht dagegen ankommt. Sind wir also alle Schweine, wie es die Ärzte dereinst besungen?

Vermutlich nicht; es ist wohl eher ein beidseitiges Ding, und das deutet auf was hin? Genau: Subjektivierung!

Dazu möchte ich einen weiteren Satz herannehmen, der vermutlich genauso symptomatisch für die "Beziehungsunfähigkeit der Generation Y" (in Anführungszeichen aufgrund akuter Buzzwordgefahr) steht: "Person XY ist viel zu toll, die habe ich gar nicht verdient!" Wenn wir nach diesem Satz gehen und ihn ernst nehmen, hätten die USA Trump nicht verdient, Kanada Justin Bieber und wir Angela Merkel nicht; das Proletariat hätte Karl Marx nie verdient. Irgendwo säße der christliche Glauben mit hochgezogener Augenbraue, und würde sagen: "Wenn ihr was verdient habt, dann das ewige Fegefeuer, ihr scheiß Atheisten!"

Davon auszugehen, etwas nicht verdient zu haben ist aus jeder Perspektive unsinnig, weil jeder von uns genug Mist in seinem Leben baut, dass (gefühlt) selbst die furchtbarste Person des Planeten noch zu gut für uns wäre. Was da aus uns spricht, wenn wir solche Dinge denken, ist schlicht eine Schuldmentalität, was uns zum nächsten Abschnitt führt:

Schuld und "The indebted man"

"The indebted man" ist der Titel eines kurzen Büchleins von Maurizio Lazzarato, das ich immer schon mal zitieren wollte, aber nie die Chance hatte — weil ich immer übersehen habe, wie sehr er sich auf Nietzsche bezogen hat. Lazzaratos Argument in dem Werk ist, dass die moderne Geldwirtschaft es fertiggebracht hat, die Menschen zu Schuldnern zu machen, selbst wenn sie weder im Dispo sind noch irgendeinen Kredit aufgenommen haben. Lazzarato erklärt, dass es insbesondere Mechanismen wie Hartz IV, beziehungsweise generell das Diktum des "Forderns und Förderns" (mit Betonung auf ersterem) sind, die Menschen in eine unverschuldete Schuldsituation hineindrücken:

"Dem Kapital gegenüber sind alle »Schuldner« schuldig und verantwortlich. Das Kapital wird so zum »Großen Gläubiger«, zum Universal-Gläubiger." (Lazzarato 2012: 25)

Ich will das Argument gar nicht krass ausbreiten, da die Beispiele genügen, zu zeigen, dass die heutige Ökonomie Menschen in eine Schuld wirft (sie also subjektiviert), um sie so zu knechten.

Wie passt das jetzt mit dem Beziehungsdrama von vorher zusammen? Nun, klar, trotz der Tatsache, dass ich gerne überall irgendwelche Marxanekdoten reinbringe, wird klar, dass die Sache mit dem "nicht verdienen" in der Tat einer ähnlichen Logik entspringt; die sogar entgegen dem Prinzip Tinder gerichtet ist: Während die Subjektivität bei Tinder darauf aufbaut, dass andere Leute einen selbst nicht verdient hätten und man daher berechtigt ist, anhand einiger Bildchen Leute auf die lange Bank zu schieben oder sie eben als wertvoll genug zu erachten, mit ihnen ein Date zu vereinbaren, ist die Subjektivität des Satzes "Ich habe den*die gar nicht verdient" aus der Perspektive eines dieser Bildchen von Tinder gesprochen — man ist eben nicht wertvoll genug für den jeweils anderen.

Aber natürlich hat Lazzarato weder Subjekt noch Moral erfunden.

Niezsche: The godfather of morality

Friedrich Nietzsche hat soviel mehr getan, als Zarathustra schreiben, Gott für tot erklären oder die Genealogie der Moral zu schreiben, aber das sind nunmal die wichtigsten Werke; und insbesondere die Genealogie hat sich dermaßen über die Welt verteilt, dass es ganz praktisch ist, sich davon Teile mal anzuschauen. Mein Wissen über Nietzsche kommt jedoch trotz der Gesamtausgabe in meinem Schrank nur aus Sekundärliteratur — be warned (Philosophen dürfen gerne zum nächsten Absatz springen; bevor sie selbiges aus dem Fenster tun).

Grob gesagt hat Nietzsche zwei Moralitäten entwickelt, einmal die Herrenmoral und einmal die Sklavenmoral. Die Herrenmoral, so Nietzsche, ist darauf aufgebaut, dass man kraft seiner Position als Herr viele Dinge tun und lassen kann. Diese Moral baut also auf einer positiven Deutung des Selbst auf. Die Sklavenmoral auf der anderen Seite kommt aus einem Ressentiment der Unterlegenen (der Subjekte — see a pattern here?) den Herren gegenüber, die einen Teil der Aggression ob der Unmöglichkeit des Aufstiegs zur Elite über Neid in ein Ressentiment verwandeln. Die Sklavenmoral also ist nicht selbstreferenziell, sondern immer auf den Generalisierten Anderen der Elite bezogen, im Prinzip also unfähig, selbst bestimmte kreative (im Sinne von Kreation, also Erschaffung) Prozesse in Gang zu setzen.

Nun ist Nietzsche ja ein Mensch seiner Zeit und hat daher die Hierarchie in seiner Herrenmoral stark zu Wort kommen lassen. Nun können wir aber nicht wirklich von einer starken Eigenständigkeit der Elite sprechen, wenn wir uns koksende Banker, neurotische Chefs und übernächtigte Politiker vorstellen; die also zwar zur Elite gehören, aber auch nicht freischaffend in dem Sinne sind, wie Nietzsche es vermutlich intendiert hat. Denn auch ein Herrentum bringt Probleme mit sich, weil zusätzlich zur Möglichkeit, alles tun zu können, auch ein enormer Druck auf solchen Personen lastet. Darum kann ich diese Moralitäten nicht so stehen lassen, ohne einen weiteren Denker zu Wort kommen zu lassen.

Herrschende Sklavenmoral oder: Warum Gott-sein Stress bedeutet

Eine gute Ergänzung zu ebendiesem Konzept kommt von völlig unerwarteter Stelle. Ein muslimischer Inder mit europäisch-säkularem Jura-Abschluss in Heidelberg, der einen sufistischen Islam gelebt hat und mittels Nietzsche seine Religion erneuern wollte: Muhammad Iqbal. Zunächst gebt euch bitte diese Zusammenstellung bevor wir auf sein Konzept eingehen.

Iqbal lebte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts und ist während seines Studiums in Deutschland auf Friedrich Nietzsche gestoßen — inklusive seiner Moral. Zurück in seiner Heimat Indien lag das Problem, das sich ihm stellte, bereits im Namen: Es war nämlich noch nicht Indien, sondern noch Britisch-Indien; der Kolonialstaat, der später in Indien, Pakistan und Bangladesch aufgehen sollte. Für Iqbal war klar, dass die muslimische und Hindi-Bevölkerung unter einer kolonialen Sklavenmoral gebannt war, während die Kolonialherren die Herrenmoral verkörperten. Doch natürlich war die Situation sogar für die Briten alles andere als herrlich: Auch sie standen unter einem bestimmten Druck, weil sie sich als Götter darstellen mussten, um weiterhin als Herren zu gelten (also im Sinne von übermenschlicher Macht, absoluter Herrschaft und dergleichen), was zu einem — laut Iqbal — "Mumifizieren", also Verstetigen der kolonialen Subjektivität geführt habe, zu einer Verhärtung der Fronten.

Mit Erschaffung einer Dichotomie zwischen Herren- und Sklavenmoral also wird nach und nach auch die Herrenmoral zu einer Sklavenmoral, da man in dieser Subjektivität auch gefangen ist (man ist eben subjektiviert). Trotz der Tatsache also, dass man theoretisch übergroße Macht hat, macht man sich wegen kleinster Dinge Sorgen und beginnt, sich nicht in dieser Ressentiment-Moral zu bewegen, sondern eben Schuldgefühle aufzubauen bzw. die eigenen moralischen Ansprüche krass zu übersteigern.

Millenials als hegemoniale Klasse

Aber trifft das auf uns Beziehungsneurotiker und Tinderies und Tinderellas zu? Ich meine, wir reisen zwar viel, aber herrschen?!

Nichtsdestotrotz: Wir herrschen! Zumindest, wenn man diesem Artikel glauben kann, herrschen wir im Sinne einer gramscianischen Hegemonie, da unsere Ideologie (Globalisierung, Klimaschutz, Menschenrechte) schlicht weltweit auf dem Vormarsch ist. Der Artikel ist absolut zu empfehlen, und er ermöglicht mir auch den Turn von Nietzsche, Lazzarato und Iqbal wieder zurück zum Thema: Wenn die Leute Recht haben und wir uns aufgrund der Tatsache, dass wir herrschen, tatsächlich in einer Herrenmoral mit Schuldsubjektivierung befinden, machen diese grotesken Probleme, die ich im letzten und in diesem Artikel geschildert habe, absolut Sinn und lassen sich sogar gefahrlos und bestimmt als die berühmten "First World Problems" kategorisieren.

Daher sehen wir auch wieder einmal, dass meine persönliche, subjektive Realität, dass es nichts Gutes ohne etwas Schlechtes gibt, vielleicht doch nicht so verkehrt ist. Oder, um die Referenz perfekt zu machen und mit Žižek zu sprechen: Man kann zwar laktosefreie Milch trinken oder Vegetarier werden, aber pleasure ist das nicht.


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